Räume für Innovation schaffen

In einer sich schnell verändernden Welt gewinnt, wer schnell adaptieren und innovieren kann. Doch in vielen Organisationen herrscht die Routine. Das liegt häufig an einer Kultur, die Anpassung ans System belohnt. Revolutionär Neues entsteht so sicher nicht. Wie also schaffen wir Räume für Innovation?

24.10.2019

von Maren Borggräfe

Nicht nur in den Behörden, in denen wir unterwegs sind, nein auch in großen und kleinen Unternehmen der freien Wirtschaft, begegnen wir immer wieder der Trägheit. Die Dinge werden so gemacht, wie sie schon immer gemacht wurden. Bestenfalls wird ein bisschen herumoptimiert. Doch bahnbrechende Innovationen werden selten geboren.

Und bei Innovationen denke ich nicht nur an die Design-Abteilungen und Produktentwicklung. Nein, in Zeiten von sich beschleunigenden globalen Veränderunstrends wie der Digitalisierung, demographischem Wandel und zunehmendem Anspruchsdenken von Kund*innen und Mitarbeitenden gleichermaßen müsste doch eigentlich in jeder Zelle der Organisation die Notwendigkeit zur Innovation gesehen werden. Vielleicht wird sie sogar gesehen. Doch innoviert wird nicht.

 

Woran liegt es, dass nicht innoviert wird?

Mit dem beobachtenden Blick von außen (der freilich bequem ist), nehme ich häufig eine Organisationskultur wahr, die kreative Lösungen und Innovationen weder fördert noch fordert. Im Gegenteil: Oft werden Ideen sogar ausgebremst. Hierfür gibt es vielfache Gründe. Hier meine top Five:

  1. Die Anreizsysteme belohnen die angepasst Fleißigen.
  2. Es ist weder Raum noch Zeit für das „Durchhängen“ des Geistes vorgesehen, aus dem Kreativität erst entstehen kann.
  3. Fehler werden allenfalls Augenbrauen hebend toleriert oder sogar sanktioniert.
  4. Wer zeigt, dass es auch besser oder schneller geht, diskreditiert die Kolleg*innen, die ungerne ihre Routine verlassen.
  5. Führung unterstützt nicht das Experimentieren und scheut sich, Mitarbeitende zu exponieren.

Welche Zutaten braucht Kreativität?

Kreativität ist keine angeborene Gabe, die du hast oder nicht. Auch wenn du kein Genius bist, kannst du kreative Handlungen vollbringen. Die Forscherin Teresa Amabile (1996) formuliert es so: „Kreativität ist mehr ein bestimmtes Verhalten, aus dem eine bestimmte Idee oder ein bestimmtes Produkt entsteht.“ Handelt es sich bei Kreativität jedoch eine bestimmte Verhaltensweise, dann ist sie erlern- und entwickelbar. Wenn die Umfeldbedingungen stimmen.

Natürlich gibt es kein allgemeingültiges Rezept für das Mixen eines Kreativitätscoctails, doch die Forschung hat inzwischen herausgefunden, dass verschiedene Faktoren kreatives Handeln in Organisationen begünstigen (s. z.B. Hunter u.a. 2007, Guntern 2009).

  1. Herausforderung des kreativen Denkens z.B. durch ambitionierte Aufgabenstellungen
  2. intellektuelle Anregung
  3. positiver kollegialer Austausch
  4. sinnvolle, involvierende Arbeit
  5. Anregung zu und Raum für Reflexion
  6. Erzeugen von Perspektivwechseln
  7. Sicherer Experimentierraum
  8. Fehlertolerantes Umfeld
  9. Prozesse, die Ambiguitäten zulassen und produktiv kombinieren (Chaos und Ordnung, Zufall und Gesetz, Freiheit und Strukturzwang, Spontaneität und Berechnung

Es geht also einerseits um Arbeit an einer Kreativität fördernden Organisationskultur, um bestimmte Anforderungen an Führung und auch um geeignete Prozesse und Formate. Letztere funktionieren natürlich dort besser, wo Kultur und Führung auf die Förderung von Kreativität ausgerichtet sind.

Dort, wo die grundsätzliche Bereitschaft da ist, sich auf Neues einzulassen, haben wir mit den Methoden Design Thinking und Presencing nach der Theory U von Otto Scharmer sehr gute Erfahrungen gemacht. Bei beiden Methoden gibt es einen klaren Prozess mit Regeln und Grundhaltungen, der einen sicheren und auch fordernden Rahmen bietet. Gleichzeitig werden durch bewusst evozierte Perspektivwechsel, z.B. das Aufsetzen der Kundenbrille, durch gezielte Impulse, das Explorieren von Umfeld und Bedeutungen, freies Assoziieren, Verdichten und Hinterfragen kreative Lösungen möglich, die anschließend verprobt und dann verworfen oder weiterentwickelt werden.

Entscheidend für die intrinsische Motivation, im kreativen Raum tatsächlich kreativ zu werden, ist aus unserer Sicht der Sinn: Warum tun wir das? Und hierbei geht es oft gar nicht so sehr um den bezifferbaren Mehrwert, den eine Lösung schafft, oder die Erfüllung persönlicher Wünsche und Interessen, sondern um das Gefühl, etwas nachhhaltig Sinnvolles zu erschaffen. Und das ist Kreativität schließlich: Ein schöpferischer Prozess.

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Literatur

Samuel T. Hunter, Katrina E. Bedell, Michael D. Mumford: Climate for Creativity: A Quantitative Review. In: Creativity Research Journal. Band 19, Nr. 1, 1. Mai 2007, ISSN 1040-0419, S. 69–90, doi:10.1080/10400410709336883

Teresa M. Amabile, Regina Conti, Heather Coon, Jeffrey Lazenby, Michael Herron: Assessing the Work Environment for Creativity. In: Academy of Management Journal. Band 39, Nr. 5, Oktober 1996, ISSN 0001-4273, S. 1154–1184, doi:10.5465/256995

Gottlieb Guntern: Kreativität im Ökosystem. In: Differentia. 25. November 2009, https://differentia.wordpress.com/2009/11/25/kreativitat-im-okosystem/.